Wahrscheinlich ging es den meisten so wie mir: davon hatten sie vorher noch nicht viel oder gar nichts gehört. Schnell wurde jedoch klar, dahinter verbarg sich die für 2008 angekündigte Themenausgabe “Philipp der Schöne (IV. von Frankreich) und Papst Bonifaz VIII.“, die, aus welchen Gründen auch immer, hierhin verschoben wurde. Das Thema jedoch machte neugierig!
Das sogenannte Attentat von Anagni, der Anschlag auf Papst Bonifaz VIII. am 7. September 1303 war der Endpunkt einer langen Auseinandersetzung zwischen dem französischen König Philipp IV. und dem Papst, die letztendlich unter den Nachfolgern von Bonifazius zu Templerprozess und Schisma führten. Hintergrund war die Absicht Philipps, den Klerus in seinem Land zu besteuern, um den Krieg mit England zu finanzieren. Die Ereignisse waren für den Papst, so kräftezehrend und demütigend, dass er vier Wochen später, nach seiner Rückkehr nach Rom, verstarb.

Dem ersten Blick auf das Themenblatt und die Dokumente folgte vermutlich die Ernüchterung: eine knochen-trockene Sendung mit sieben Faksimile-Seiten Text in mittelalterlicher Schrift und einigen roten, rubrizierten Initialen. Leider enthält das Sammelblatt nur zwei kleine, aber immerhin dramatische Bildchen von Bonifaz VIII., bei denen leider ein weiteres mal auf eine Zeit- und Künstlerangabe verzichtet wurde. Eine Ansicht vom Papstschloss in Anagni als Ort des Geschehens oder seine Lage fehlt. Bei Wikipedia erfährt man: auf einem langgestreckten Hügel oberhalb des Sacco-Tales, 66 Kilometer südöstlich von Rom in der Region Latium. Hauptsache jedoch: nicht schon wieder ein großes Papstportrait als Faksimile, welches nichts zur Erhellung des Themas beiträgt.
Dafür ist der historische Abriss über die Ereignisse des vatikanischen Experten Pier Paolo Piergentili auf dem Sammelblatt umso informativer und spannender, wegen seines teils anekdotischen Charakters flott lesbar. Welche Chronik der Autor als Quelle benutzt, verrät er uns aber nicht; schade, denn der interessierte Leser hätte vielleicht gerne weiter geforscht.
Fünf Dokumente aus dem Geheimarchiv des Vatikans enthält die Sendung: vier päpstliche Bullen zwischen 1296 und 1303, allesamt von erheblichem kirchen-historischem Gewicht! Darunter die wegen ihrer Sprachgewalt für das Mittelalter als fast einzigartig anerkannte Bulle “Unam Sanctam“. Mit Hilfe der ausgezeichneten Transkriptionen, historischen Anmerkungen und Zusammenfassungen von Pier Paolo Piergentili in der Übersetzung von Cornelia Volk kann sich der intensiv nachlesende und nachforschende Bezieher der Documenta ein hervorragendes Bild der Vorgänge und der Zusammenhänge der Zeit machen, waren sie doch der Auftakt für das große abendländische Schisma.
Das Aufspüren der einzelnen Dokumente wird dem Benutzer allerdings nicht leicht gemacht, denn z. B. befindet sich die Bulle “Asculta fili“ (Dokument 2) abschnittweise auf drei folios: 134v, 135v und 136r. Ganz kompliziert wird es mit dem Auffinden der Bulle “Nuper ad audientiam“ (Dokument 3), deren Anfang auf der gleichen folio 387v wie die Bulle “Unam Sanctam“ zu finden ist, dann aber nur noch in wenigen originalen Teilen auf folio 388r und 388v mitverfolgt werden kann, da der größte Teil des Dokumentes gelöscht wurde. Dies geht auf die Rasuren zurück, die nach den Verhandlungen zwischen dem König von Frankreich und Papst Clemens V. – zwangsweise - auf den päpstlichen Dokumenten nach 1311 vorgenommen wurden. In der Transkription wurde das komplette Dokument, das im Register nicht mehr sichtbar war, im Beiheft kursiv gedruckt wiederhergestellt. Das Dokument Nr. 5 “Bezeugung der vorgenommenen Rasuren des Registers nach dem 27. April 1311“ enthält leider keine vollständige Aufklärung, wie dies zustande kam.
Über die graphische Qualität der Faksimiles kann ich, wie angedeutet, keine Aussagen machen. Man sieht jedoch die Spuren der digitalen Bearbeitung der Dokumente anhand feiner Linien. Das Bemühen um Annäherung an die Beschaffenheit der Originale ist ebenfalls deutlich, ob von der Haptik her gelungen, überlasse ich anderen Bewertern. Übrigens sind die Faksimiles, weil wahrscheinlich in Originalgröße wiedergegeben, größer als das moderne DIN A 3 Format.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Lieferung 2009/03 der Documenta Vaticana sicher kein editorischer Leckerbissen ist, für den Verlag wohl eher eine kostengünstige Variante darstellt. Der historisch interessierte Sammler und Leser, jedoch der auf farbige Vorlagen keinen gesteigerten Wert legt, wird daran einen hohen Gewinn haben.
Eine vollständige Liste der bisher erschienenen Ausgaben und ihrer Besprechungen im Rahmen des Rezblogs finden sich hier.
23:07
Great Post