Wer hätte es gedacht, dass sich die Experten des Vatikanischen Geheimarchivs in Rom in Zusammenarbeit mit dem Archiv Verlag in Braunschweig an dieses Thema wagen und die durchaus prickelnden und brisanten Dokumente - auch noch nach Jahrhunderten - als Faksimiles zur Veröffentlichung freigeben würden?!
Nun denn, die Biographie des Urbildes eines lüsternen, berechnenden und machtbewussten Renaissancefürsten auf dem Papstthron des ausgehenden 15. Jahrhunderts ist weitgehend bekannt. Seine berühmten Kinder Cesare und Lukrezia hat er vor seiner Amtszeit gezeugt und etliche Liebschaften hatte er auch schon zuvor. Mindestens zwei seiner neun Kinder sind jedoch auf die Welt gekommen, als er schon Papst war. Kein Wunder, dass er als der “böse Bube” auf dem Stuhl Petri gilt.

Alexander VI., eigentlich Rodrigo de Borja (it.: Borgia) entstammt einem spanisch-italienischen Adelsgeschlecht und war bereits 62 Jahre alt als er durch den, in dieser Zeit üblichen, Ämterkauf Papst wurde. Sohn Cesare wurde Erzbischof von Valencia, Kardinal und Herzog von Valence (Frankr.), Tochter Lukrezia war in 3. Ehe mit dem Herzog von Ferrara verheiratet - eine wirklich umtriebige Familie, die den bekannteren Familien ihrer Zeit - hier seien die Medici genannt - in nichts nachstanden.
Die Themenausgabe “Alexander VI. und die Frauen, 1494" (2009/07) der Documenta Vaticana zeigt auf dem Textblatt neben dem gewohnt hervorragenden historischen Abriss - dieses Mal von Dr. Luca Carboni, dem Generalsekretär des Vatikanischen Geheimarchivs persönlich (Übersetzung von Cornelia Volk) - das berühmte erotische Gemälde der Papst-Tochter Lukrezia Borgia von Bartolomeo Veneto aus dem Jahr 1502.
Dieses stimmt perfekt auf die faksimilierten Briefe der Tochter Lukrezia Borgia, der Geliebten Giulia Farnese und der Ehefrau Vanozza Cattanei ein. Wegen der originalen Handschriften der Damen und wegen des verwendeten Papiers, das der Originalvorlage vermutlich recht nahe kommt, fühlen sich die Dokumente in der Hand des Lesers und Betrachters sehr authentisch an. Die Transkriptionen und Zusammenfassungen sind wie immer exakt und unentbehrlich. Manche Leser mögen diese Zeugnisse als historisch marginales und dummes Gesäusele von 'Society Ladies' aus der Zeit der Renaissance abtun, aber kaum jemand hat solche Dokumente schon einmal so in den Händen gehalten - und gerade solch' private Einblicke sind es, die Geschichte jenseits der großen Politik im wahrsten Sinne des Wortes fassbar und erlebbar machen.
Schon die Geschichte der Aufbewahrung und Überlieferung der Briefe weiblicher Verehrer an Alexander VI. ist ein spannendes Abenteuer: Im 17. Jahrhundert tauchten sie in der Engelsburg, wohin sich der Papst 1495 vor dem Einzug Karls VIII. in Rom geflüchtet hatte, erstmals auf. Der Präfekt des Archivs Giovanni Battista Confalonieri listete sie im Index des Archivs auf. Erst drei Jahrhunderte (!) später kamen sie wieder durch den Kirchenhistoriker Ludwig von Pastor an das Licht der Forscherwelt.

Drei Briefe aus dem Jahr 1494 werden wiedergegeben. Der erste stammt aus der Feder von Giulia Farnese, die schon zu Lebzeiten als Mätresse des Papstes bezeichnet wurde. Herausragend ihr Ausspruch, dass “ihr Herz dort sei, wo ihr Schatz weile“. Zu einem Fest gingen Lukrezia und Giulia “so prächtig gekleidet, als hätten sie Florenz all seiner kostbarsten Stoffe beraubt“. Der zweite Brief aus der Hand der erst 14-jährigen Lukrezia an ihren Vater, Papst Alexander, berichtet von einem Schönheitswettbewerb, an dem Giulia teilnahm und den sie natürlich gewann, nicht wissend, dass sie bei ihm längst in Ungnade gefallen war. Lukrezia, gebildet und skrupellos, soll einige ihrer Liebhaber im Laufe ihres 40-jährigen Lebens vergiftet haben. Mit dem letzten ihrer 3 Ehemänner, dem Herzog Alfonso d`Este hatte sie 7 Kinder (zwei davon starben) – entsprechend den politischen Plänen ihres Vaters und ihres Bruders Cesare. Dieser war es denn auch, der den Stammhalter und Lieblingssohn von Vanozza Cattanei aus der Verbindung mit dem Papst, 1497 vermutlich ermorden ließ. Aus dieser ruchlosen Zeit der Familie Borgia (1494) stammt auch das dritte Dokument der Documenta, der Brief von Vanozza Cattanei an den Papst, mit dem sie aus der Zeit, da er noch Kardinal war, 4 Kinder hatte. Allerdings ist der Ton der kurzen Nachricht von ihrer und der Römer Sorge und Angst um die gefährliche Lage der Stadt nach dem Einmarsch Karl VIII. in Italien erfüllt.
Eine kleine, aber feine Themenausgabe der Documenta Vaticana über die eher unfeinen Jahre des Vatikans mit 'schmachtendem' Italienisch des 15. Jahrhunderts, an dem vermutlich viele Leser ihr Gefallen finden werden.
Eine vollständige Liste der bisher erschienenen Ausgaben und ihrer Besprechungen im Rahmen des Rezblogs finden sich hier.
23:07
Very Interesting